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Reisebericht

12.02.2021

Das Leben auf der Strasse - Veloplus-Mitarbeiter Fabian Prosek

Am Anfang war es ein Traum, dann ein Projekt – und ein bisschen Widerstand aus dem Umfeld. Doch Fabians Wille und Abenteuerlust waren zu gross. Er schwang sich für unbestimmte Zeit auf seinen Velosattel. Und erlebte das grösste Abenteuer seines Lebens.

Zu gefährlich! Zu jung! Zu unerfahren! Mit diesen Meinungen werde ich als 19-jähriger Abenteurer das erste Mal konfrontiert, als ich von einer Veloreise nach Asien erzähle. Grösser, länger, schwieriger als all meine bisherigen (Velo-)Reisen durch Europa sollte sie werden. Und vor allem unverfälscht, fernab von Touristenattraktionen, die ein Land heutzutage grösstenteils definieren. Unbeirrt warte ich drei Jahre auf den perfekten Moment, um aufzubrechen. Doch bald wird klar, dass dieser nie kommen wird und so nehme ich das Schicksal selbst in die Hand.

Am 4. September 2019, inzwischen 22-jährig, verabschiede ich mich von meinen Liebsten und steige auf mein vollbepacktes Tourenvelo. «Bangkok in sieben Monaten» war immer die Antwort, um Familie und Freundin zu beruhigen, jedoch war der Endpunkt und die Dauer nie von Belang. Ich will nur die Welt durch eigene Augen sehen und stürze mich ins Ungewisse.

Ich will nur die Welt durch eigene Augen sehen und stürze mich ins Ungewisse.

Während den ersten Wochen lerne ich, mich in meinem neuen Leben als Reisender zurechtzufinden. Dazu zählt die Suche nach einfachen Schlafmöglichkeiten in den österreichischen Alpen, der Kampf gegen das Wetter beim ersten Schnee, die Freude über die erste Einladung zum Essen in Slowenien sowie die Flucht vor dem ersten streunenden Hund, der mir in Serbien an die Waden will. Nach dem ersten Monat und vielen neuen Erfahrungen fühle ich mich für die Herausforderungen der kommenden Länder gewachsen.

Ade Europa

Auf dem Grenzareal zwischen Bulgarien und Türkei treffe ich auf eine Gruppe einheimischer Fahrradfahrer, die mich durch das Labyrinth von Barrieren, Zollhäusern und Grenzbeamten vorbeiführen. Begleitet vom Abendgebet folge ich in der Dämmerung einem der Senioren, der mich in Edirne auf einer Parkbank schlafen lässt. Mit dem ersten Gebet starte ich in das Land, in dem Kaffee die Zukunft vorhersehen kann und Baklava – ein zuckersüsses Gebäck – jeden Tag versüsst.

Vom wilden Stadtleben Istanbuls erschöpft, überquere ich auf einer Fähre die Meerenge des Bosporus, die Europa von Asien trennt und lande wenig später mit all meinen Kleidern im Hostel-Bett. Vor meinem inneren Auge flimmern die Bilder der dicht befahrenen und äusserst gefährlichen Strassen der Millionenstadt. Das Risiko, von einem Auto erfasst zu werden, ist gross, da ich mich blind auf die anderen Verkehrsteilnehmer verlassen muss und die Situation nicht selbst kontrollieren kann. Ist das nun «zu gefährlich», wie von meinen Liebsten zuhause gepredigt? Rückblickend ja. Doch im Augenblick des Geschehens wird dir diese Erkenntnis nicht helfen. Nach ein paar Tagen Grossstadt vermisse ich bald schon meine angewohnte Routine und strample weiter auf endlosen Highways durch die menschenleere Hochebene der Türkei.

Eines Morgens erwache ich durch ein Rudel bellender Wolfshunde und bemerke die dünne Schicht Schnee, die sich auf mein Zelt gelegt hat. Der Winter hat mich eingeholt. In den darauffolgenden Nächten sinken die Temperaturen auf -11 Grad Celsius – begleitet von einem fiesen Wind, der die gesamte Ausrüstung über Nacht einfrieren lässt. Folglich teile ich meinen Schlafsack – er ist nicht für solche Minustemperaturen geeignet – von nun an mit Lebensmitteln, Getränken und Elektrogeräten, um diese vor der Kälte zu schützen. Bin ich nun «zu unerfahren» für diese Situation? Nein. Denn das Erlernen neuen Wissens ist das Fundament, auf dem ein Abenteuer erbaut ist. Nach zwei Monaten auf der Strasse stehe ich am Fusse des Vulkans Ararat, der mit seinen 5137 Meter über Meer im Dreieck von Türkei, Armenien und Iran thront.

Am letzten Morgen in der Türkei werde ich durch einen Schuss unmittelbar neben meinem Zelt aus dem Schlaf gerissen. Drei Grenzbeamte verfolgen eine Gruppe iranischer Grenzgänger in meinem Alter, die hinter meinem Zelt über den Acker rennen. Erst als die Flüchtlinge im Militärfahrzeug verschwinden und die Beamten mit dem Transporter Richtung Sonnenaufgang fahren, kehrt Stille ein. Nervös stehe ich bald im Immigration Office des Grenzüberganges in Gürkulak und beantworte die obligatorischen Fragen zu meinem geplanten Iran-Aufenthalt.

Im Land der offenen Türen

Aufgrund der neuen Religion, Kultur, Sprache und Währung eines jeweils neuen Landes sind die ersten Tage immer die stressreichsten und gefährlichsten. Doch im Iran werde ich bereits am ersten Tag zum Essen eingeladen, am zweiten zum Übernachten und am dritten zu einer Hochzeit. Der Grund für die allgemein grosse Gastfreundschaft der Iraner heisst «Taarof», was als Verb so viel bedeutet wie «sich bekannt machen». Diese spezielle Form der Höflichkeit kann schnell zu Missverständnissen und Problemen führen. In meinem Fall gilt die Hochzeitseinladung nur der Höflichkeit, folglich lehne ich die Einladung dreimal ab, um die Fragenden nicht in Verlegenheit zu bringen, falls ich doch zusagen würde. Klingt verrückt, mit der Zeit wird es aber einfacher zu verstehen.

40 Kilometer vor der Hauptstadt Erzincan in der gleichnamigen Provinz wecken mich die ersten Sonnenstrahlen trotz klirrender Kälte.

Ende November erreiche ich die verschneite Hauptstadt Teheran, um mir ein Visum für Pakistan und Indien ausstellen zu lassen. Der Weg führt mich zur Schweizer Botschaft. «Ihr wüssed, dass s’EDA vo Reise nach Pakistan abrated?», begrüsst mich der gut gekleidete Beamte mit Krawatte und Brille, der die Schweiz nicht besser hätte repräsentieren können. Diese Aussage von einer Fachperson zu hören dringt deutlich tiefer in mein Selbstbewusstsein und meinen Optimismus als die zahlreichen Warnungen meiner Mitmenschen zuhause. Zumindest versuchen muss ich es, sagt mir mein Abenteuerherz. Den administrativen Teil geklärt und einige hundert Kilometer weiter, feiere ich am 24. Dezember Weihnachten mit fröhlichen und lachenden Gesichtern meiner Familie auf meinem Handybildschirm. Da kommt sogar bei mir in der Wüste bei Kebab und Reis die weihnachtliche Stimmung auf.

In der Rolle als Reisender und Gast wird die Geschichte eines Landes mit dir als Zeuge weitergeschrieben – so auch, als ich durch meinen Gastgeber Ahmed, der mich aus der Wüste zu sich eingeladen hat, aufwache. «Trump hat ‹Soleimani›, den Helden unserer Nation getötet», sind die ersten Worte, die ich durch all die Trauergebete und Hasspredigten im Fernsehen verstehen kann. Das Ausmass des tödlichen Drohnenangriffs seitens der USA gegen den Divisionskommandeur ist für mich unfassbar. Millionen Menschen trauern auf den Strassen, während die Überreste des Leichnams über mehrere Tage durch alle Grossstädte des Landes getragen werden. Als neutralen Schweizer betreffen mich diese Vorkommnisse zum Glück nicht direkt, doch spüre ich die Spannung in der Luft und beschliesse, das Land schnellstmöglich zu verlassen. Nach diesem schockierenden Ereignis und der bevorstehenden Kriegserklärung bin ich umso glücklicher, Timo zu treffen, der per Zufall im gleichen Hostel in Zahedan, nahe der Grenze zu Pakistan, untergekommen ist. Das Zusammenspiel mit dem Basler, der ebenfalls mit seinem Velo gen Osten unterwegs ist, funktioniert so gut, dass wir bald schon beschliessen, zusammen durch Pakistan zu reisen.

Dein Freund und Helfer

Angekommen im «Land der Reinen» – bekannt als Pakistan – werden wir zum eigenen Schutz mit drei weiteren Reisenden in einem Innenhof untergebracht, von dem unsere bewaffnete Eskorte durch die pakistanische Provinz Belutschistan startet. Auf Pickup-Ladeflächen, begraben unter all unserem Gepäck, werden wir über zwei Tage an unzählige Checkpoints geführt, die unsere Durchreise sichern. Als wir uns in der Nacht der afghanischen Grenze bis auf Sichtweite nähern, wird befohlen, die Lichter auszumachen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Hungrig und unterkühlt endet die Tortur in der Morgendämmerung bei einem Schneesturm mit -15 Grad Celsius in Quetta, der Hauptstadt der Provinz Belutschistan im Westen Pakistans. Auf einer eintägigen Zugfahrt gelangen wir von den verschneiten Ausläufern des Bolan-Passes ins sommerliche Flachland in Sukkur, der drittgrössten Stadt der Provinz Sindh.

Mit Timo (links) besuche ich eine Volksschule in Pakistan, nahe der Hauptstadt Multan. Das begeisterte Kreischen und Lachen der Kinder geht direkt ins Herz und erwärmt unser Herz trotz tiefer Temperaturen.

Von offizieller Seite dürfen wir von nun an frei mit dem Fahrrad weiterreisen. Doch schon bald folgen uns die nächsten Pick-ups, Motorräder oder Streifenwagen der Distriktpolizei. Es folgen Ausweis- sowie Visumskontrollen und Anweisungen, was wir machen, wo wir schlafen und was wir essen dürfen. Dutzende Male geraten wir aufgrund chaotischer und widersprüchlicher Situationen, Befehlen und Anweisungen in Konflikt mit der Polizei. In einem Dorf kurz vor Lahore eskaliert die Situation, als am Abend eine Gruppe von bewaffneten Polizisten und Zivilpolizisten unser Lager gewaltsam abbricht und unsere Ausrüstung beschädigt. Nach einem wilden Handgemenge landen wir für drei Tage in einer Polizeistation, in der wir die Verantwortlichen zur Rede stellen. Erfolglos. Bin ich nun doch «zu jung», wie meine Liebsten mir predigten? Mitnichten.

Denn in diesen Ländern muss ein 16-jähriger bereits erwachsen sein, um sich einen Platz in dieser schwierigen Gesellschaft zu sichern. Trotzdem geraten wir an die Grenzen der psychischen Belastbarkeit und so geben wir uns verständnislos und resigniert der Überlegenheit der Polizei hin, als plötzlich Latif auftaucht und uns auf Schweizerdeutsch begrüsst. Der geborene Pakistani, nun wohnhaft in Bern, holt uns nicht nur aus unserer misslichen Lage, sondern zeigt uns an nur einem Abend die ganze Schönheit Pakistans, die wir über Wochen gesucht haben. Frei von Einschränkungen schlendern wir an diesem Abend in Begleitung von Latif durch Gassen, dicht gesäumt von Kühen, Händlern und Verkäufern. Ohne Begleitung von Polizei öffnen sich die Menschen und reden mit uns, beschenken und behandeln uns mit Respekt. Ein Cousin von Latif fährt uns am nächsten Morgen die letzten Kilometer bis zur indischen Grenze. In Punjab, der einzigen Provinz, die Pakistan mit Indien verbindet, überqueren wir unter gigantischen Landesflaggen die Wagah Boarder.

Egal ob Hochebene, Wüste oder Gebirge: Die Einsamkeit wird mein ständiger Begleiter und bester Freund. Kein Haus, keine Menschen oder Flugzeuge, nur ab und zu ein Truckfahrer, der hupt und winkt.

Tägliche Zeremonien symbolisieren der Gegenseite Frieden, Stolz und Respekt in Form von übertriebenen militärischen Showeinlagen, die als Touristenattraktion gelten. So überqueren wir als Veloreisende den Showplatz inmitten eines riesigen Stadions, gefüllt mit Hunderten indischen Touristen, die uns zujubeln und grüssen. Nach fünf Monaten Islam könnte die kulturelle Veränderung nicht grösser sein. Leicht bekleidete Menschen, wilde Musik, freilaufende Schweine, Kühe und Affen repräsentieren das wilde Herz Indiens. In den nächsten Tagen übernachten wir vermehrt in Tempeln, lassen uns von überfüllten Zuckerrohr-LKWs mitziehen und geniessen die indische Küche, bis wir im Dschungel Nepals landen. Nach einem herzlichen Abschied von Timo, der sich auf den Weg nach Kathmandu begibt, holt mich im März die Pandemie ein.

Eine höhere Macht

Die vorhersehbare Verschlechterung der Situation veranlasst die Schliessung der Grenze zu Myanmar, was die Weiterreise auf meiner geplanten Route unmöglich macht. Ich bedaure jedoch viel mehr die Distanzierung der Menschen zu mir, kann die Gründe ihrer Angst und Unsicherheit jedoch verstehen. Für mich sind und waren es immer die Menschen, die einem Land den Charakter verleihen sowie dessen Gegenwart und Zukunft bestimmen. Ohne diesen Charakter und ohne diese Menschen gibt es nichts mehr zu entdecken. Der Rückzug der Menschen bringt mich schliesslich zum Entscheid, nach Hause zurückzukehren. Bald schon sitze ich dank grossartiger Unterstützung von zuhause im letzten Flug zurück in die Schweiz. Ich werde nachdenklich.

Als ich vor sieben Monaten meine nahezu perfekte kleine Heimat verlassen habe, um die Schönheit unserer kleinen Erde mit eigenen Augen zu entdecken, wollte ich nie «perfekt sicher», «perfekt alt» oder «perfekt erfahren» sein. Perfektion ist eine Illusion, welcher viele Menschen ihr Leben lang nacheifern, ohne dabei links und rechts zu schauen. Mein Ziel war es, über diesen Tunnelblick hinauszuwachsen, zu erfahren, was für eine Rolle ich unter knapp 8 Milliarden Menschen habe. Für jede Erfahrung, die mich in meiner Person grundlegend verändert und ergänzt hat, bin ich unbeschreiblich dankbar. Alles, was ich dazu gebraucht habe, war ein Velo, Gepäck, Entschlossenheit und Wille.

Fabian Proseks Route

Die Anforderungen an meine Route waren einfach: kein Auto, kein Zug, kein Schiff. Nur mein Velo und ich. Den Rest der Planung habe ich dem Zufall überlassen.