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„Das Aufbrechen ist heute genauso aufregend wie damals.“

Der Genfer Claude Marthaler ist eine Ikone der Tourenradfahrer: ein Gespräch über nette Menschen und totalitäre Regimes, das Gefühl, sich zwischen Familie und Reisen entscheiden zu müssen, und über ein Paket, das er von Veloplus im Senegal bekam.

Claude Marthaler, was würden Sie heute dem jungen Claude vor seiner ersten grossen Reise raten?

Nimm dein Fahrrad und geh! Voilà! (lacht) Ich kann keinen anderen Ratschlag geben. Vor einer Reise muss man nicht mit dem Kopf entscheiden, sondern mit dem Bauch. Heute kommen immer wieder Leute zu mir und fragen nach Ratschlägen zur Vorbereitung ihrer Reise. Natürlich kann ich ihnen technische Tipps geben. Ich weiss, welche Ausrüstung sich bewährt. Aber alles andere müssen sie selber in sich drin haben. Ich habe einfach keinen Beruf gefunden, der mich wirklich befriedigt hat, auch wenn ich kurz als Sozialpädagoge gearbeitet habe. Ich musste dem Alltagstrott entfliehen. Als Kind wollte ich eigentlich Clown werden. Jetzt bin ich halt Cyclonaute und Autor.

1996, Kathmandu/Nepal: Ein junger Claude Marthaler (links) auf dem Weg nach Lhasa/Tibet.

Was haben Sie auf Ihren Reisen gefunden?

Tourenradfahren wirbelt mehr Staub und Fragen auf, als es Antworten liefert. (lacht) Im Ernst: Ich habe nie etwas gesucht. Es war für mich die reine Leidenschaft, die totale Freiheit. Ich war neugierig auf die Welt, die Natur, die Menschen.

Das kann aber auch hart und anstrengend sein.

Ja, natürlich. Der physische Aspekt ist für mich aber längst nicht der schlimmste. Wirklich hart war es, auf der Reise Liebe zu finden und dann doch weiterzuziehen. Zwei Mal hatte ich in all den Jahren schöne und harmonische Beziehungen, bei denen ich vor der Entscheidung stand: Will ich eine Familie gründen und dafür die langen Reisen sein lassen? Ich habe mich für das Reisen entschieden. Aber du kannst dir vorstellen, wie hart und emotional das für mich und auch für meine Partnerinnen damals war. Auf der anderen Seite haben mich die Reisen auch die grosse Bedeutung der Liebe und der Freundschaft gelehrt: Bin ich unterwegs, sehe ich meine langjährigen Freunde selten. Erst wenn man sie vermisst, merkt man, wie wichtig sie sind.

Wie haben die Reisen Sie verändert?

Meine Mutter sagte mir nach meiner Welttour, ich sei toleranter geworden, differenzierter in meinen Ansichten. Früher gab es für mich noch viel Schwarz und Weiss.

Haben Sie heute weniger Vertrauen in die Menschen als vor 30 Jahren?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte immer grosses Vertrauen in die Menschen. Unterwegs gilt: 99,9 Prozent von ihnen wollen dich nicht bestehlen, helfen dir, sind ausgesprochen grosszügig. An diesem positiven Bild der Menschen hat sich nichts geändert. Anders sieht es bei der geopolitischen Lage aus: Die ist schrecklich. Verlässt man Europa, trifft man auf viele autoritäre, totalitäre Staaten. Aber auch dort sind die meisten Menschen nett und grosszügig. Und sie arbeiten hart für ihre Kinder und für ihr Überleben. Es ist schade, dass über diesen Aspekt in den Medien kaum berichtet wird.

Claude Marthaler auf einer Tour in Argentinien.

Natürlich ist mein Körper nicht mehr der Gleiche wie vor 30 Jahren, aber ich bin immer noch ziemlich fit.

Wie hat sich die Welt der Tourenradfahrer verändert?

Es gibt viele Nostalgiker, die sagen: Der Pioniergeist ist verloren gegangen, es ist kein Abenteuer mehr. Vor 30 Jahren sei alles besser gewesen, heute könne man sich im Internet über alles informieren und ein Handy bei sich tragen. Ich sehe das nicht so: Das Aufbrechen ist heute genauso aufregend wie damals. Natürlich kann man sich viel besser ausrüsten. Wenn ich nur an die Packtaschen denke, mit denen ich vor 30 Jahren gereist bin – das war eine Bastelei! Das Tourenradfahren ist heute auch viel präsenter und akzeptierter in den Medien und allgemein in der Gesellschaft. Es wird darüber berichtet, jeder kennt über Umwege irgendeinen, der eine Tour gemacht hat. Damit ist es aber auch angepasster und normierter geworden. Nur wenige brechen heute einzig um des Aufbrechens willen auf. Viele wollen mit einem Projekt die Welt und die Natur retten oder unbedingt ein Buch darüber schreiben oder einen Film realisieren. Manche suchen eher den Ruhm als den menschlichen Austausch. Damit sperrt man die Reise aber ein, denn eigentlich steht sie ja für Freiheit.

Heisst das aber auch: Man kann heute besser davon leben?

Vielleicht. Bei mir ist es ein ständiges Auf und Ab geblieben, genauso wie bei einem Künstler. Manchmal ergeben sich mehr Projekte wie Bücher, Filme oder Vorträge, manchmal eben weniger.

Über viele Reisen haben Sie im Veloplus-Magazin berichtet? Hat Ihnen das geholfen?

Ja, absolut. Das Unternehmen Veloplus hat von Anfang an an mich geglaubt. Sie haben mich mit Material unterstützt und mir eine Plattform geboten, um über meine Reisen zu berichten. Das war für beide Seiten gut. 1994 brach ich zu einer Reise auf, die insgesamt sieben Jahre dauerte – viel länger, als ursprünglich geplant. Diese Weltreise führte mich nach Japan, durch die damaligen GUS-Staaten nach Alaska und endete 2001 in Afrika. Ursprünglich wollte mich Veloplus für zwei Jahre mit Material unterstützen, das war der Deal. Aber nach zwei Jahren war ich immer noch in Tibet. Also fragte ich: Helft ihr mir weiterhin? Und sie sagten ja. Als ich 2001 im Senegal war, hatte ich kein Geld mehr, um Kette und Kettenscheibe zu ersetzen. Also fragte ich Veloplus, ob sie mir noch einmal helfen könnten. Und sie schickten mir die Ersatzteile per Paket. Viele Jahre später hatte ich die Möglichkeit, Theo Weilenmann, einem der Gründer von Veloplus, als Guide mein geliebtes Tibet zu zeigen. Damit schloss sich für mich ein Kreis: Aus der ursprünglichen Sponsoring-Partnerschaft ist eine Freundschaft geworden.

In den vergangenen Jahren sind Ihre Touren kürzer geworden. Müde?

Nein, überhaupt nicht. Das hat verschiedene Gründe. Natürlich ist mein Körper nicht mehr der Gleiche wie vor 30 Jahren, aber ich bin immer noch ziemlich fit. Vor allem aber habe ich in den vergangenen Jahren viele lange Reisen unternommen. Jetzt muss ich nicht mehr alles sehen und ausgiebig erkunden. Wichtiger ist es mir, mein Schreiben zu verfeinern und zu vertiefen; an Orte zurückzukehren, um sie noch besser kennenzulernen und noch präziser darüber zu schreiben.

Fürchten Sie sich vor dem Moment, in dem Sie merken, dass Sie nicht mehr aufbrechen können?

Ja, absolut. Nicht dass ich deswegen in Depressionen verfalle, aber es beschäftigt mich schon. Vor 30 Jahren hatte ich noch scheinbar unendlich viel Zeit vor mir. Jetzt merke ich, dass es wirklich nicht so ist. Aber zum Glück gehen mir Ideen und Projekte nicht aus: In meinen Büchern widme ich mich grundsätzlicheren Themen, ich will nicht mehr «nur» über das Radfahren an sich schreiben. Vor einiger Zeit hat sich ein Filmprojekt ergeben über engagierte Frauen, die ich in einem Buch beschrieben habe. Auch den Traum eines Kultur- und Fahrradbegegnungszentrums habe ich noch nicht aufgegeben. Es bleibt spannend. Aber klar: Die Sehnsucht nach dem Aufbruch ist so sehr in mir drin, dass ich das Reisen schon sehr vermissen werde.

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