Sind es wir selbst – zwei Frauen mit Veloreiseerfahrung, Respekt vor der Natur und vor dem Unbekannten – die diesen Traum wagen? Oder sind es die anderen, deren Zweifel und Bedenken unser Vorhaben erst recht festigten? Wahrscheinlich beides.
Zu Beginn haben wir gehadert, diesen Kontinent allein, als zwei Frauen, mit dem Velo zu bereisen. Doch fest entschlossen, den gängigen europäischen Vorurteilen keinen Raum zu geben und uns ein eigenes Bild zu machen, zogen wir los. Diese Entscheidung haben wir keine Sekunde bereut.
Nach einer Material-Testfahrt in den italienischen Alpen starten wir am 6. Januar 2025 in Puerto Montt, Chile, in unser neunmonatiges Abenteuer. Die Nase im Wind, den Blick nach Süden gerichtet, rollen wir dem patagonischen Traum entgegen. Die Fahrtrichtung von Nord nach Süd soll Rückenwind bringen – ob das stimmt, wird sich zeigen. Eines ist sicher, die Langsamkeit des Unterwegsseins auf zwei Rädern schenkt uns unendlich viel. Begegnungen mit Einheimischen finden auf Augenhöhe statt, Gespräche entstehen fast von selbst. Auf der Carretera Austral treffen wir Gleichgesinnte, die Ecuador, Peru oder Bolivien bereits hinter sich haben und uns wertvolle Informationen geben.
Nach rund 700 Kilometern verabschieden wir uns vom asphaltierten Luxus. Ripio (Schotter), Wellblech und Sand begleiten uns fortan – wohl bis ans Ende der Reise. Dazu kommt ein oft erbarmungsloser Wind, der das Vorankommen zur Geduldsprobe macht. Doch Patagonien entschädigt uns reichlich. Gletscher, Fjorde, endlose Weiten, eine Landschaft so divers und unglaublich schön – hinter fast jeder Kurve die Facetten wechselnd, als würde man durch einen Bildband fahren. Voller Dankbarkeit und Respekt vor dieser wunderschönen Natur leben wir mit den schweren Bedingungen, sie treiben uns sogar an.
Der erste Übertritt von Chile nach Argentinien wird zur ersten echten Grenzerfahrung. Ein abgelegener Trail über Berge, genutzt nur von Wandernden, Radreisenden und Packpferden, bringt uns an unsere körperlichen Grenzen. Wege verwandeln sich in Bäche, Schneeflocken tanzen vom «sommerlichen» Himmel. Sand, kombiniert mit Nässe, frisst unsere Bremsbeläge. Die Zeit drängt – wir müssen eine zweite Fähre erreichen. Uns bleibt nun die Wahl, die Bremsbeläge mit eisigen Fingern zu wechseln, oder uns gegenseitig bei der «Abfahrt» zu helfen. Fahren ist unmöglich – uns bleibt nur noch, das Velo bergab zu manövrieren: eine vorne am Lenker, die andere hinten, die es mit einem am Gepäckträger befestigten Riemen mühsam abbremst. Wir entscheiden uns für Zweiteres. Durchgefroren und müde, aber heil erreichen wir den Lago del Desierto.
Gletscher berühren Fjorde, wilde Guanacos beäugen uns kauend aus sicherer Distanz. Der Wind schenkt uns Momente, in denen wir mit 40 km/h bergauf rollen, ohne zu pedalieren – nur um uns wenig später wieder auf gefühltes Treten an Ort auszubremsen.
Wir fahren ohne festes Ziel, lassen uns treiben, bis die Waden weich und der Hunger gross werden oder die Natur mit einem pittoresken Wildcampingplatz aufwartet. In Patagonien ist Wildcamping allerdings nur mit gutem Windschutz möglich – manchmal in leerstehenden Häusern. Während uns im Süden der Wind an die Grenzen bringt, bestimmt in Nordargentinien die Hitze unseren Tagesablauf. Da es mittags 40 Grad wird, starten wir bereits vor Sonnenaufgang. Unsere Reifen ziehen tiefe Spuren in die sandigen Strassen. Die Schönheit des Monumento Angostaco ist wie von einem anderen Planeten. Die friedliche und erhabene Ruhe dieser unfassbar schönen Gegend lässt uns mitunter die Tränen der Rührung wegblinzeln und in Ehrfurcht versinken.
Wir wechseln auch mal den Sattel, um mit Gaucho Jesús hoch zu Pferd die Natur zu erleben – ein Perspektivenwechsel, der bleibt. Unsere Velos bewähren sich. Die ersten Ketten wechseln wir frühzeitig, um die Kettenkränze zu schonen. Platte Reifen und grössere Defekte bleiben aus. Wir putzen und warten die Velos regelmässig, ziehen alle Schrauben nach und ölen bewegliche Teile. Die robusten Stahlräder, Felgenbremsen und der bewusste Verzicht auf Hightech erweisen sich als richtige Entscheidung. Die Velos halten der grossen Belastung stand.
Nach einem traumhaften zweiwöchigen Loop in Nordargentinien nähern wir uns der bolivianischen Grenze. Die direktere Route über den rund 5000 m hohen Abra del Acay verwerfen wir: In der dünnen Luft hätten kurze Akklimatisationsetappen und das mühsame Mittragen von Wasser (mangels Flüssen) sowie Nahrung für eine Woche die Grenze des Zumutbaren überschritten. Stattdessen fahren wir talwärts nach Salta und weiter, langsam wieder ansteigend, nach Villazón, Bolivien.
Bolivien erobert unsere Herzen sofort – die Menschen, die starken Frauen, die farbigen Kleider. Gleichzeitig ist die politische Lage allgegenwärtig. Die Grenze ist wegen nationaler «Bloqueos» zeitweise geschlossen. Es sind Proteste wegen des akuten Dieselmangels. Uns fällt auf, es sind fast ausschliesslich Frauen, die die Blockaden aufrechterhalten, geschützt durch ein Gesetz, das Gewalt gegen Frauen verbietet. Ihre Präsenz ist still, stark und eindrücklich. Wir halten uns strikt an die Regel, nicht mehr als 500 Höhenmeter über dem letzten Schlafplatz zu übernachten. Das zwingt uns zu kurzen Etappen und hilft, der Höhenkrankheit vorzubeugen. Appetit und Gewicht nehmen ab. Rund fünf Kilogramm verlieren wir. Schwieriger als die Höhe ist die fleischlose Ernährung. Reis, Pommes und Ei werden, wenn wir nicht selber kochen, zur Konstante, auch später in Peru. Wir nennen es unser augenzwinkerndes «Menu 1». Gemüse und Früchte sind rar, Lieferungen erreichen die Dörfer oft nur einmal pro Woche. Quinoa wird lieber exportiert als im Land verkauft, da die Bauern beim Export viermal mehr verdienen. Die traurige Folge ist eine weit verbreitete Mangelernährung unter den Einheimischen.
Es sind die Gespräche am Wegesrand mit Lama- oder Alpakahirtinnen, meist Frauen, die unser Herz zum Strahlen bringen. Landschaften verschlagen uns die Sprache und treiben uns an, auch wenn die Körper müde sind und die Luft immer dünner wird.
Nach einem traumhaften zweiwöchigen Loop in Nordargentinien nähern wir uns der bolivianischen Grenze. Die direktere Route über den rund 5000 m hohen Abra del Acay verwerfen wir: In der dünnen Luft hätten kurze Akklimatisationsetappen und das mühsame Mittragen von Wasser (mangels Flüssen) sowie Nahrung für eine Woche die Grenze des Zumutbaren überschritten. Stattdessen fahren wir talwärts nach Salta und weiter, langsam wieder ansteigend, nach Villazón, Bolivien.
Bolivien erobert unsere Herzen sofort – die Menschen, die starken Frauen, die farbigen Kleider. Gleichzeitig ist die politische Lage allgegenwärtig. Die Grenze ist wegen nationaler «Bloqueos» zeitweise geschlossen. Es sind Proteste wegen des akuten Dieselmangels. Uns fällt auf, es sind fast ausschliesslich Frauen, die die Blockaden aufrechterhalten, geschützt durch ein Gesetz, das Gewalt gegen Frauen verbietet. Ihre Präsenz ist still, stark und eindrücklich.
Wir halten uns strikt an die Regel, nicht mehr als 500 Höhenmeter über dem letzten Schlafplatz zu übernachten. Das zwingt uns zu kurzen Etappen und hilft, der Höhenkrankheit vorzubeugen. Appetit und Gewicht nehmen ab. Rund fünf Kilogramm verlieren wir. Schwieriger als die Höhe ist die fleischlose Ernährung. Reis, Pommes und Ei werden, wenn wir nicht selber kochen, zur Konstante, auch später in Peru. Wir nennen es unser augenzwinkerndes «Menu 1». Gemüse und Früchte sind rar, Lieferungen erreichen die Dörfer oft nur einmal pro Woche. Quinoa wird lieber exportiert als im Land verkauft, da die Bauern beim Export viermal mehr verdienen. Die traurige Folge ist eine weit verbreitete Mangelernährung unter den Einheimischen.
Es sind die Gespräche am Wegesrand mit Lama- oder Alpakahirtinnen, meist Frauen, die unser Herz zum Strahlen bringen. Landschaften verschlagen uns die Sprache und treiben uns an, auch wenn die Körper müde sind und die Luft immer dünner wird.
In Uyuni erfahren wir, dass der Salar noch unter Wasser steht. Wir lassen einige schwere Ausrüstungsstücke zurück und machen uns zu unserem ersten Masterpiece, der Lagunenroute, auf. Flamingos stapfen durch die Laguna Honda, schneebedeckte Vulkane spiegeln sich im Wasser. Nach Sonnenuntergang fallen die Temperaturen rapide. Bei windstiller, sternenklarer Nacht, zeigen sich uns gegen Mitternacht Bilder der Superlative. Die umliegenden Berge, der Mond und sogar die Sterne spiegeln sich in der kleinen Lagune. Eine unglaubliche Stimmung, ein Ort voller Frieden und Ruhe.
Nach einer eiskalten Nacht mit -6 Grad im Zelt und traumhaft schönem Sonnenaufgang sind am anderen Ende der Lagune die im Wasser einbeinig eingefrorenen Flamingos zu sehen. Sie fliegen erst wieder weg, wenn das Wasser aufgetaut ist. Frühzeitige Startversuche scheitern. Ein unglaubliches Schauspiel und wunderbar zum Zuschauen. Wir verbringen eine Zeltnacht auf 4850 m. ü. M, schlafen wunderbar. Als uns am nächsten Tag nur noch 50 Höhenmeter zum höchsten Punkt fehlen, macht Shanti schlapp. Jeder Meter wird zum Kampf. Es gilt abzusteigen, sich hinzusetzen und danach sogar im flachen Gelände zu schieben. Die sandige Lagunenroute fordert von uns alles ab. Wir kommen an unsere Grenzen, wachsen sogar darüber hinaus. Wir fragen uns, warum wir uns das antun – stehen im nächsten Moment wieder voller Demut vor Landschaften, die nicht von dieser Welt scheinen und die Strapazen sofort vergessen lassen.
Zwei Wochen später, zurück in Uyuni, ist der Salar getrocknet. Die anfängliche Euphorie auf dem endlosen Weiss wird etwas getrübt. Simone kämpft mental. Die Monotonie setzt ihr arg zu, ebenso das stundenlange Geholper auf der rauen Salzoberfläche. Aber die Zeltnacht auf der weissen Fläche entschädigt dafür. Sie lässt sich nicht beschreiben, nur erleben.
Nach einem Abstecher in Perus Dschungel, folgt das zweite Masterpiece, der Peru Great Divide. Einen Monat lang auf 3500 bis 5000 Metern, kurbeln wir unzählige Höhenmeter hinauf, um auf der anderen Seite wieder hinunterzusausen und den nächsten Pass in Angriff zu nehmen. Dies ausschliesslich auf Ripio und ohne motorisiertem Verkehr zu begegnen.
Bittere Kälte bis -10 Grad, gefrorenes Innenzelt – dank unserer guten Ausrüstung und den warmen Schlafsäcken überstehen wir diese Nächte. Begegnungen mit schlecht vorbereiteten Veloreisenden – einer beinahe verhungert, der andere fast erfroren – machen uns bewusst, wie wichtig unsere sorgfältige Planung war. Wir vermeiden es tunlichst, trotz Wind im Vorzelt zu kochen. Das Risiko, das Zelt abzufackeln und ohne Schutz die eiskalten Nächte nicht zu überleben, ist uns zu gross.
Eine strickende Alpaka-Hirtin begleitet uns ein Stück, beschützt uns vor ihrem aggressiven Hunderudel. Sie erzählt, wie selten sie den Berg verlässt – und wie sehr sie Begegnungen mit Reisenden schätzt, die ihr «die Welt in die Anden bringen». Eine wunderbare und so neidlose Haltung dieser liebenswerten Person. Strahlend und interessiert wird uns diese Peruanerin für immer in Erinnerung bleiben.
Über Hunde könnten wir ein ganzes Buch schreiben. Unsere Strategie: Absteigen, sobald uns Hunde entgegenrennen, dadurch irritieren wir sie. Wir werden als Mensch wahrgenommen und nicht als Gefährt. Das bringt sie zum Schweigen, oft sogar zum Schwanzwedeln. So haben wir die Reise mit unzähligen Begegnungen mit Hunden bissfrei überstanden.
Am Ende sind es die Worte, die fehlen. Die vielen Superlativen, die ergreifenden Bilder sind sicher in unseren Herzen aufbewahrt. Was uns die neun Monate begleitet hat, sind wunderbare Begegnungen, Menschen, die gastfreundlicher und hilfsbereiter nicht sein könnten. Die politischen Realitäten führen uns unsere eigene Privilegiertheit vor Augen. Strahlende Augen, die sich über unser Auftauchen freuten, aufmerksame Neugier und weit offene Herzen zeigten uns, dass die Menschen gut und uns wohlgesinnt sind. Bei all den unzähligen, wunderschönen Wildzeltnächten unter den schönsten Sternenhimmeln haben wir uns kein einziges Mal unsicher gefühlt.
Wir haben Männer nicht als Machos erlebt, sondern als interessiert und hilfsbereit. Mit dem Fahrrad reist man auf Augenhöhe – nicht als reiche Touristin, sondern als einfache Reisende. «Un poco loco» wurden wir genannt und fanden darin den Einstieg zu tiefen Gesprächen. Die für die Reise aufgefrischten Spanischkenntnisse zahlten sich aus. Wir kamen mit vielen Einheimischen am Wegesrand ins Gespräch, lernten ihre Lebensart kennen, nahmen Anekdoten mit und lachten gemeinsam. Englisch spricht praktisch niemand. Auch wenn man sich mit Händen und Füssen durchschlagen könnte, so bliebe vieles verborgen.
Wir haben gelernt, in Einfachheit zu leben. Alles, was wir brauchten, transportierten wir in je fünf Taschen. Mit Entbehrungen zu leben und die Komfortzone zu verlassen, hat uns im Gegenzug wunderbare Bilder, Begegnungen und Landschaften geschenkt und uns gelehrt, über uns hinauszuwachsen. Wir kamen körperlich und mental an unsere Grenzen und lernten dabei, wozu wir fähig sind. Morgens nicht zu wissen, wo wir abends schlafen werden, erlebten wir als pure Freiheit.
Das Reisen mit dem Velo hat uns schon vor vielen Jahren für sich gewonnen. Es hat nun eine Dimension erreicht, von der wir nicht mehr lassen können. Es ist für uns die Freiheit des Seins – ohne Fahrpläne oder Benzin zu reisen, die Muskelkraft als Antrieb, die Natur als Motivator. Wir hoffen, mit unserem Reisebericht ein paar Menschen zu motivieren. Radelt raus in die Welt und geniesst die Langsamkeit, die euch weiter bringt, als ihr denkt. Es müssen nicht gleich die Anden sein, Hauptsache rollend und raus. Haltet an, wo es euch gefällt, fernab von Touristen-Hotspots, entdeckt die kleinen Wunder am Wegesrand, stets mit dem Wind in den Haaren und einem Lächeln im Gesicht.