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Reisebericht

21.02.2020

Fabienne und Philip Stössel - Über den nördlichen Polarkreis hinaus

Entlang der kalifornischen Pazifikküste weht der Wind im Sommer von Norden nach Süden. Trifft man da einen der vielen entgegenkommenden Südwärtsradler, der fröhlich mit «Tailwind!» grüsst, so kann dies leicht sarkastisch wirken. Doch der Sommer im hohen Norden Amerikas hält viele schöne Überraschungen bereit. Nach 435 Stunden im Sattel, 26 Bärensichtungen und 46 verspeisten Hamburgern erreichen wir unser Ziel: Anchorage, Alaska.

WE MADE IT! Und wir würden es sofort wieder tun.

Wir sind in Dawson City, der Goldgräberstadt, welche um die Jahrhundertwende zur Zeit des Goldrausches zum Nabel der Welt wurde und bis heute von einem Hauch Abenteuer und Pioniergeist umweht wird. Sollte auch für uns ein weiteres Abenteuer von hier aus starten? Die Kombination von Yukon Highway No. 5 und Northwest Territories Highway No. 8, besser bekannt als Dempster Highway, führt von hier über den nördlichen Polarkreis ins 740 km entfernte Inuvik, nahe des Polarmeeres. Wir kommen gerade vom Informationsbüro der Northwest Territories, wo man uns mit Wetter- und Strassenberichten ausgestattet und äusserst zuvorkommend angeboten hat, ein Proviantpaket in die Mitte der Strecke zu liefern.

Wir sollten es aber nicht bereuen; dies wird der Höhepunkt unserer Veloreise werden in verschiedener Hinsicht!

Anscheinend konkurriert der Dempster Highway mit dem Dalton Highway in Alaska (von Fairbanks nach Deadhorse), um abenteuerlustige Touren-Radfahrer anzulocken. Uns soll's recht sein. Obwohl wir nun doch schon mehrere Monate mit dem Fahrrad reisen, sind wir für solche Unterstützung äusserst dankbar und bekräftigen unser achttägiges Vorhaben mit einem stärkenden Abendessen und einem Casinobesuch . Als wir am nächsten Morgen erstmals auf die Schotterpiste auffahren, schwindet der anfängliche Mut: Plötzlich kommen wir nur noch halb so schnell vorwärts wie auf Asphalt und wollen uns gar nicht vorstellen, welche Schlammschlacht uns erst erwartet, wenn es regnet. Glücklicherweise merken wir schnell, dass dies nur auf neu präparierten Streckenteilen der Fall ist. Trotzdem wirbeln unzählige Fragen durch unsere Köpfe. Werden die Reifen von 35 mm Breite ausreichen und haben wir den Abstand zum Schutzblech genügend erhöht? Reichen unsere Ersatzteile und Mechanikkenntnisse wirklich aus? Dazu muss man wissen, dass wir die Fahrt auf dem Dempster Highway nie im Voraus geplant hatten, sondern die Idee spontan entstanden ist.

Wir sollten es aber nicht bereuen; dies wird der Höhepunkt unserer Veloreise werden in verschiedener Hinsicht! Doch das wissen wir nun ja noch nicht. Wir treten kräftig in die Pedalen und mit jeder Umdrehung kommt das Selbstvertrauen stückchenweise zurück. Die Schönheit des Tombstone Nationalparks und die Weite der Taiga lassen uns staunen und ganz klein erscheinen. Beflügelt vom positiven Ausgang des ersten Tages lassen wir uns vom Anstieg zum North Fork Pass bei Regen am nächsten Morgen nicht entmutigen. Gegenwind? Kennen wir schon und so heissen wir ihn als Reisegefährte willkommen; fairerweise zeigt sich der Wind ab und zu auch von der anderen Seite und wir fliegen mit ihm über die Schotterpiste.

Die Schönheit des Tombstone Nationalparks und die Weite der Taiga lassen uns staunen und ganz klein erscheinen.

Die Schöne und das Biest

Doch wir wissen genau, der Dempster hat verschiedene Gesichter! Das Biestige lässt denn auch nicht lange auf sich warten: Schokoladenbrauner Schlamm verklumpt uns Kette, Ritzel und Schaltwerk. Unsere Velos ächzen, da hilft nur noch ein Bad im Bach und danach eine ordentliche Portion Fett, welches länger anhält als das Fahrradöl. Die Velos putzen wir fortan täglich ein- bis zweimal.

Wie man das Biest bezwingt? Gar nicht, man konzentriert sich einfach auf das Schöne!

Wie man das Biest bezwingt? Gar nicht, man konzentriert sich einfach auf das Schöne! Und das gibt es auf dem Dempster mannigfaltig: Wir sehen eine Grizzlymutter mit zwei Kleinen von ganz nah, schauen schwarzen Polarfüchsen beim Herumtollen zu und erfreuen uns an atemberaubender Landschaft und eindrücklichen Wetterphänomenen. Ermunternd stecken uns wildfremde Leute Wasserflaschen, Bananen und Energieriegel aus fahrenden Wohnmobilen zu oder warten beim nächsten Campingplatz mit einem Pizza-Nachtessen oder frisch gebackenem Beerenkuchen auf uns! Die Sympathie gegenüber uns Velofahrern ist gross – auch wenn man uns sicher (anfangs) ein wenig für verrückt hält – und wir schliessen einige neue Freundschaften.

Ausserdem erreichen wir sportliche Höhepunkte (noch nie sind wir in einer Tagesetappe 180 km Schotterpiste gefahren) und erweitern unsere Velomechanik-Kompetenzen (dank dem Innenringlöser NBT2, next best thing – der Name ist Programm, können wir die Kassette entfernen und ersetzen zwei Speichen nach der Learning-by-Doing-Methode). Nach sieben Tagen Fahrt durch Taiga und Tundra, Seenlandschaften und schier endlose Weiten unberührter Natur, fahren wir pünktlich zum 1. August in Inuvik ein. Prompt findet sich auf dem Camping auch ein weiteres Schweizer Paar und so feiern wir gemeinsam das erfolgreiche Ende des Dempsters und den Nationalfeiertag bei prächtigem und warmen Sommerwetter – wer hätte das am nördlichsten Punkt unserer Radreise erwartet!

Entlang der Pazifikküste von Los Angeles bis Anchorage

Zu diesem Zeitpunkt der Reise sind wir schon vier Monate mit dem Fahrrad in Nordamerika unterwegs. Unsere Route führte uns von Los Angeles in Kalifornien entlang der Pazifikküste nordwärts via Oregon, Washington nach Vancouver Island und danach durch British Columbia in den Yukon. Vor uns liegt die Einreise nach Alaska über den Top of the World Highway, einen lohnenswerten Umweg über den Denali Highway und schliesslich die Ankunft in Anchorage – unserem Veloreiseziel.

Nach fünf Monaten und knapp 9’000 km kommen wir Ende August dort an. We made it. Und wir würden es sofort wieder tun! Doch wieso? Was sind die Beweggründe, mit dem Fahrrad eine lange Strecke und solche Strapazen auf sich zu nehmen? Diese und ähnliche Fragen haben sich unsere Familien und Freunde auch gestellt. Von Anfang an wussten wir, dass wir die bekannte Panamericana-Route entlang der gesamten Pazifikküste bereisen möchten. Die ganze Strecke in einem Motorfahrzeug zu befahren, konnten wir uns jedoch nicht vorstellen. Zu stark war unser Drang nach Abwechslung, Abenteuer, kulturellem Austausch und sportlicher Herausforderung. So entschieden wir uns, Nordamerika per Velo zu entdecken und in Südamerika mit Rucksack zu reisen.

Alles, was man zum Leben braucht, findet in den Velotaschen Platz!

Es stellte sich heraus, dass uns das Touren per Fahrrad sehr zusagt. Wir schätzten vor allem das Tempo: Während wir die Natur und Begegnungen mit Menschen intensiv wahrnahmen, legten wir durchschnittlich fast 100 km pro Tag zurück. Ausserdem ist es äusserst befriedigend und befreiend zu merken, dass alles, was man zum Leben braucht, in den Velotaschen Platz findet! Und natürlich ist da auch der Stolz, ein solches Unterfangen bewältigt zu haben und über sich hinausgewachsen zu sein.

Erfahrungen, die uns niemand nehmen kann

Höhepunkte auf unserer Veloreise erlebten wir dank Begegnungen mit Menschen, überwältigender Natur oder sportlicher Leistung. Wir wollten nicht auf Teufel komm raus Kilometer abspulen, sondern uns Zeit nehmen, Region und Kultur zu erleben. So machten wir immer mal wieder Umwege, gingen trekken oder mieteten einen Kleinwagen, besuchten neue Freunde, die wir unterwegs kennengelernt hatten und arbeiteten während eines Freiwilligeneinsatzes auf einem kleinen Hof.

Wir lernten, bewusst auch einmal auf etwas zu verzichten und Mut zur Lücke zu zeigen. Am glücklichsten waren wir, wenn wir offen geblieben sind und Neues gewagt hatten. Schliesslich bereut man bekanntlich nur, was man nicht getan hat und fixe Termine, während man mit dem Fahrrad reist und vom Wetter abhängig ist, bedeuten vorwiegend unnötigen Stress. Verglichen mit dem Backpacken auf dem zweiten Teil unserer Reise, schätzen wir am Touren-Fahren vor allem das sorgenfreie «in den Tag hinein»-Leben. Natürlich verlangt das Touren-Fahren ein wichtiges Mass an Planung, doch ist die Route einmal gesetzt, ist der Kopf frei und man lebt im Moment.

Am glücklichsten waren wir, wenn wir offen geblieben sind und Neues gewagt hatten. Schliesslich bereut man bekanntlich nur, was man nicht getan hat.





Reiseinfos

Route: 8’800 km in knapp 5 Monaten, davon 93 Tage auf den Fahrrädern, total ca. 80'000 Höhenmeter. Die Route führte von Los Angeles nordwärts entlang der Pazifikküste nach Vancouver und weiter durch British Columbia bis Prince Rupert; per Fähre nach Skagway; von da weiter durch den Yukon und die Northwest Territories nach Inuvik (Dempster Highway). Nach dem Rückflug nach Dawson City via Top of the World und Denali Highway nach Anchorage. Übernachtungen: Fast ausschliesslich im Zelt – auf Campingplätzen oder wild

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